#Tag 14: Tunnelblick

Heute schaffe ich es wieder die Herberge als letzter zu verlassen. Das bedeutet den ganzen Tag alleine zu laufen, ich werde nicht überholt und bin auf mich gestellt. Das bedeutet wertvolle Zeit für Gedanken z.B. zu den Gesprächen gestern Nacht. Aber zunächst mein Gesundheitscheck:

Nach 14 Tagen, so sagt man, hat sich der Körper an die neue Normal gewöhnt. Dann hat der Körper wohl verstanden, dass sein Tag durch Fußmarsch ausgelastet wird und der Schreibtisch der Vergangenheit gehört.

Was sagt mein Körper dazu? Sagen wir mal so – meine Füße haben es toleriert. Sie sind wirklich platt gelaufen (also wirklich platt) und bilden eine tellergerade Fläche – ehemals Ballen – die Fußsohlen sind steinhart. Fremd und befremdlich fühlen sie sich an, wie ein zweites paar Schuhe. Vielleicht sollte ich bald einen Hufschmied aufsuchen?

Seit gestern habe ich Probleme mit den Sehnen am Schienbein. Vermutlich werden die Sehnen durch die Schwellungen am Knöchel beeinträchtigt und diese wiederum durch meine Damenstrümpfe aus Nylon motiviert. Letztere schnüren das Schienbein ab und sollen nun der Vergangenheit angehören – mein Ausgleich: eine extra Portion Hirschtalg.

Fühlen wir weiter nach oben: Mein Rücken ist in Ordnung und lehnt sich nur noch minimal gegen mein Gepäck auf und beruhigt sich stets nach einer kurzen Pause. Das Wandern entwickelt sich demnach auch bei mir zur Gewohnheit weiter? Nö! Eben nicht, wie ich am Nachmittag feststellen sollte.

Neu ist, dass ich offensichtlich ein Gespür für Entfernungen entwickle. Nicht selten schätze ich sogar die erste Nachkommastelle korrekt und ich vermute, dass der Camino mit mir verschmilzt? Ebenfalls nein! Die Genauigkeit meiner Schätzung sinkt mit dem Wunsch anzukommen, ab Mittag denke ich nur noch daran anzukommen und überschätze jeden Schritt zu meinen Ungunsten. Das fühlt sich nach Stillstand an und das drückt auf die Motivation.

Auf der Kirche unmittelbar vor der Herberge nisten drei paar Störche.

Wir haben uns gestern Nacht über das Leben ausgetauscht, z.B. einem vermeintlichen Zwang von (introvertierten) Menschen die viele Jahre ihres Lebens damit verschwenden und versuchen der (anderen) Norm (?) zu entsprechen. Sie versagen sich ihr Selbst und betäuben ihre Sinne, um eine Anerkennung zu erlangen, als die die sie durch deren Persönlichkeit inne haben. Warum akzeptiert man nicht einfach sein inneres Ich und lässt sich die Chance auf ein Leben mit gleichgesinnten bzw. Menschen die sie ergänzen sind?

Ein(e) Gesprächspartner(in) beschreibt, dass immer wieder die gleichen Menschen angezogen werden, dass man am immer wieder auf die gleichen Probleme stößt. Die Ursache liegt m.E. in der eigenen Persönlichkeit. Die Persönlichkeit weckt das Interesse passender oder ergänzender Charaktere. Solange man sich selbst nicht Wandelt, wird sich wohl auch das beschriebene Dilemma nicht lösen.

Alexandra & Hugo (Spanien), Rafael (Spanien) und Luis (Mexiko)

So wandere ich heute in meinen Gedanken versunken vor mich hin, durchlaufe schöne Ortschaften und mache Rast in einem sehr schönen Restaurant. Direkt am Anfang des heutigen Aufstiegs. Dort treffe ich die beiden Koranerinnen wieder, alle anderen sind schon aus der Lokalität aufgebrochen. Später kommt der 75 jährige Spanier dazu und wir unterhalten uns ein letzte Mal vor seiner Abreise.

So findet die Neue Welt meiner Camino-Wanderfreunde wieder zusammen. Ich gönne mir eine kleine Portion Pasta zu Mittag und wärme mich vor dem Kamin. Meine Füße und meine Seele atmen auf und so breche ich nach einer Stunde auf, die anstehende Steigung in der Wildnis zu erklimmen.

Eine Rast vor dem warmen Ofen. Das ist der wahre Luxus.

Nach einer (zu!) langen Pause geht es los zur letzten, herausfordernden Steigung. Die Knapp 320 Höhenmeter in kurzer Distanz sind nicht das Problem, sondern die nachgelagerten 16 km. Ihr kennt es schon – an dieser Stelle kommt wieder der Kaugummi – der sich so lange zieht wie jeder einzelne Schritt.

Ich erlebe es erneut, das mentale Loch: es fordert mich heraus, ich bin am Ende, die Füße schmerzen und mein Blick fokussiert sich erneut und blendet alles Unwesentliche aus. Da ist er wieder der Tunnelblick! Der Moment wenn der Körper am Ende ist und alle lebensunwichtigen Sinnesreize ausblendet um Energie zu sparen. Das unmissverständliche Signal für eine Pause – Zeit für mein Schatzbuch.

Ich lese mein Schatzbuch von meiner lieben Noemi. Mitten im Wald freue mich über ihre Gedanken über unseren Abschied, zu meiner Reise und unser Wiedersehen. Danke liebe Noemi – ich bin Stolz auf dich und unsere Familie und das gibt mir erneut Kraft. Ich wandere weiter bis zur Herberge.

Nun bin ich müde, geh zur Ruh und mache meine Äuglein zu. Buen Camino!

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