#Tag 19: Eiszeit

Über den Camino Frances sagt man: von „Sant Jean Pied de Port“ bis „Burgos“ (habe ich gerade beendet) prügelt einem der Camino das alte Leben raus, zerstört unser altes Ich. Von Burgos bis Leon (ich wechsle gerade in diese Etappe) öffnet man sich für neue Ideen, Gedanken und wird aus den Trümmern des alten Ichs neu zusammengesetzt. Ab Leon (in 157km, also in ca. 8 Tagen) sieht man sein Umfeld und das Leben mit neuem Blick und es eröffnen sich neue Perspektiven. Nun, es gibt also Hoffnung 🤪.

Diese Hypothese entspricht im übrigen meiner Interpretation des Caminos, wo der Schmerz und das Leid notwendiges Übel sind, um die eigene Transformation voranzutreiben. Aus der reinen Komfortzone heraus ist nicht ausreichend Weiterentwickungsnotwendigkeit gegeben. Das ist aber nur meine aktuelle Einschätzung und ich bin gespannt, ob sich dieses Weltbild am Ende des Caminos ändert.

Ist also der Austausch mit anderen Pilgern – der für Hugo das Wesentliche ist – mit deren Erfahrungen und Perspektiven der zugehörige Katalysator der eigenen Transformation? Ich denke schon.

Albergue municipal

Der Tag beginnt zeitig! Die italienischen „Roadrunner“ vom Vortag verlassen gegen 6:00 Uhr die Herberge. Einer von beiden scheint sehr organisiert und hat seinen frühen Start akribisch geplant. Ein Griff zum Rucksack, ein weiterer für einen Beutel mit Utensilien und ein dritter für seinen Schlafsack, es folgen 5 Schritte durch die Dunkelheit und er ist weg. Vorbildlich leise – danke!

Sein Kollege kramt alles einzeln zusammen, raschelt mit seinen Tüten, verliert die Hälfte, läuft hoffnungslos verloren hin und her, stöhnt vor Überforderung, verlässt den Raum, kommt zurück und macht das Licht an, um zu schauen ob er bei seiner erstaunlichen Aktivität nichts vergessen hat. Ich habe den Tag folglich mit zwei sehr konträren und daher äußerst interessanten Erfahrungen gestartet und – da ich jetzt ohnehin wach bin – stehe ich auf und freue mich auf mein Frühstück.

Es gibt Baguette und bei Bedarf kann ich es toasten, was jedoch überflüssig ist. Das Baguette ist so trocken, dass die Wärme keinen zusätzlichen Knuspereffekt bewirken kann. Eine Portion zusätzliche Marmelade soll mich darüber hinweg trösten – alles gut. Während ich vor mich hinknuspere, kommt der Volentär und wirft das restliche Brot aus dem Brotsack in den Müll. Schade, ich war der letzte Nutznießer dieser harten Delikatesse – ob ich das persönlich nehmen soll? Natürlich nicht, ich nehme einen Schluck vom tiefschwarzen Kaffee und freue mich auf die Sonne – endlich Sonne!

Ich verlasse die Herberge gegen 7:45 Uhr und mache ein Foto von meinem heutigen, außergewöhnlichen Look – Luftkühlung und Regenprävention.

Heute Nachmittag soll es regnen und daher müssen die Hosenbeine dranbleiben damit kein Wasser in meine Schuhe eindringt – das gibt Wasserblasen.

Als ich meinen Fußmarsch starte, kommt eine niederländische Dame – Astrid – des Weges und ich komme mit ihr ins Gespräch. Wir starten gemeinsam, steigern uns gegenseitig in der Erwartungshaltung der vermeintlich schnelleren Geschwindigkeit des Anderen die Geschwindigkeit und irgendwann fällt es mir ein – ich wollte langsam machen. Bremse rein und wir laufen den Rest des Tages gemütlich. Zu Halbzeit des Weges frühstücken wir gemeinsam ein zweites Mal und führen interessante Gespräche über den Camino, unsere Kinder und unsere Lebensgeschichte.

Es waren inspirierende Gespräche, z.B. darüber, dass das wesentliche im Leben ist, dass man mit jenen Menschen die man liebt viel Zeit verbringt, sie unterstützt sich selbst zu finden und für sie da ist, wenn Bedarf besteht.

Die Sonne scheint und die 20,5km vergehen wie im Flug. Meinem Fuß geht es gut, aber er schwillt wieder erheblich an. Aber gut, das ist eben so und in meiner Herberge wartets Eis – auch wenn dieses nicht von Nöten sein soll.

Heute habe ich keine Herberge reserviert und wir wählen diejenige, mit der besten Bewertung. Sie hat geschlossen, aber im nächsten Haus gibt es Abhilfe. Es wird geduscht und dann gefroren bis sich die Balken biegen. Es ist so unbeschreiblich kalt in dem Gemäuer, dass alle Pilger dick bekleidet in ihren Schlafsäcken verschwinden. Dort wird zitternd ausgeharrt, bis es um 19:00 Uhr hoffentlich warme Speisen gibt.

Froststarre, der Kampf gegen den sicheren Tod in der Eiszeit unserer Herberge – die Heizung startet erst in zwei Stunden – um 18:00 Uhr – hofft man.

Immerhin bekommen wir mehr Decken – um 18:30 Uhr – und von der Heizung fehlt weiterhin jede Spur. Falls es morgen keinen Beitrag gibt, könnt ihr bitte die Bergrettung rufen. Das wäre nett!

Nach dem Abendessen hatte der Herbergsvater eine besondere Überraschung für uns. Zunächst durften wir die historische Weinpresse erproben und anschließend wurden wir mit Öllampen in den Keller entführt. Einem Weinkeller mit Steinen aus dem 14. Jahrhundert mit vielen verstaubten alten Schätzen. Bis zu 5km lange Gänge führten damals zu benachbarten Häusern und der Kathedrale. Im Keller gibt es Schutzräume für bis zu 20 Personen. Der Eingang zu diesen war verjüngt, so dass nur eine Person hindurchschreiten konnte. Eindringlinge überlebten diesen Versuch in der Regel nicht. Zum Schluss gab es eine kleine Weinverkostung – Ende gut, alles gut!

Eine kleine demographische Schleife zum Schuß: die spanische Dame welche uns gestern Abend in der staatlichen Herberge bekocht hat, erzählte, dass der Camino Francés primär von Italienern (im Sommer), gefolgt von Deutschen (verstärkt Mai und Oktober) und Koreanern (eher im Winter) besucht wird.

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