#Tag 23: Time warp aus dem Hobbitland

Ein schwarzhaariges, lockiges Mädchen schläft seit meiner Ankunft gestern gegen 18:30 Uhr mit dem Schlafsack über dem Kopf in der Herberge. Auch zur Essenszeit gestern Abend steht sie nicht auf und bevorzugt stattdessen den Schlaf bis zum Morgengrauen. Als sich mein Wecker des Morgens aktiviert, starte ich, genauso wie der Spanier am Ende des Schlafsaals, mit dem Packen im dunkeln. Man will ja freundlich sein.

Das Mädchen schläft weiter, nur die Haare sind sichtbar. Kurz vor 8:00 Uhr kommt der Herbergsvater und schaltet das Licht ein und weist das Lebewesen (?) darauf hin, dass es noch 5 Minuten hat, bis es den Schlafsaal gepackt, gesattelt und gestriegelt verlassen muss.

Es bewegt sich, setzt sich hin und verfällt in eine 45-minütige Schockstarre, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und – hupps – es ist der Engländer welcher während meiner Auszeit vor einiger Zeit mit mir zeitgleich sein Abendessen eingenommen hat.

So schnell kann man sich täuschen und ich stelle freudig fest, dass ich nicht der einzig langsame Wanderer auf dem Jakobsweg bin.

Man nimmt es in Spanien nicht so genau mit den Zeiten und Maßangaben und auf dem heutigen Weg wird mir auch bewusst, dass die Spanier damit Recht haben. Es gibt nicht den einen Weg, es gibt viele angrenzende Wege. So wählt meine Ninja-App heute beispielsweise einen Weg an der Straße während der traditionelle Weg eine Abkürzung durch schöne Felder vorsieht. Beide Wege sind der Jakobsweg.

Ihr fragt euch sicherlich warum „die Hälfte des Weges“ für mich so wichtig ist? Ich kann nicht einschätzen, ob die zweite Hälfte nach der spanischen Berechnung mittels Würfeln genauso lang ist wie die Erste.

Wenn ja, dann wäre die Gesamtstrecke wesentlich länger als von mir geplant. Denn immerhin bin ich gemäß eigener Buchführung bis Tagesende 421 Kilometer gelaufen. Demnach wäre die Strecke keine 775 Kilometer sondern 842 Kilometer und ich bräuchte 42 Tage ohne Pausen. D.h. ich müsste ab jetzt viel mehr Kilometer pro Tag laufen oder einen Sicherheitspuffer mit Bus oder Bahn schaffen. Schneller geht keinesfalls mit meinen aktuellen Gesundheitsproblemem – muss ich etwa der Vernunft weichen und mir eine Pause gönnen?

Der riesige, freundliche Hof-, Haus- und Schoßhund. Unser nächster Hund? Der Cão de Castro Laboreiro ist eine portugiesische Hunderasse.

Heute starte ich wie gewohnt als Geisha den Tag mit den gleichen Schmerzen wie gestern Abend. Erst nach 1-1,5 km hat sich mein Körper daran gewöhnt und die Schmerzen lassen nach oder werden ausgeblendet. Man sagt, dass immer die ersten (ca. 1km) und letzten Schritte (ca. 3-4km) eines Tages die schmerzhaftesten sind und das wird sich wohl bis zum Ende des Caminos nicht ändern.

Die Lehmhäuser sind offensichtlich pflegebedürftig und viele verfallen wenn sie der Witterung ausgesetzt sind.

Es geht heute wieder geradeaus an der Straße entlang. Nach einer ganzen Weile biegt der Weg zumindest auf einen Feldweg ab der sich schön bewandern lässt. Die Strecke zieht sich, aber ich bin motiviert, schreite zügig voran und mache meine Pausen.

Die Pausen sind stets eine Abwägung zwischen Entspannung, Regeneration und dem Schmerz bis die erneute Gewöhnung eintritt.

Also nicht übertreiben – und so mache ich Mittagspause in „Moratinos“, einem kleinen Dorf mit Lehmhügeln, in die kleine Höhlen eingelassen sind – sogenannte „Bodegas“. Diese dienten früher der Lagerung von Lebensmitteln und Weinherstellung und sind Teil einer Weinkultur, die 2.000 Jahre bis zu den Römern zurückreicht.

Ungefähr 7 km vor dem Tages Ziel mit 22 km, treffe ich die über siebzig Jahre alte Dame (wandert bereits 800 km durch Frankreich) die mit mir zur selben Zeit, wie der gelockte Jüngling von heute Morgen, in der gleichen Herberge war. So schließt sich der Kreis.

Sie hat mir damals den wertvollen Tipp gegeben, auf meinen Körper zu achten und langsam zu machen, da ich somit insgesamt schneller bin. Ist sie der Bote meiner Entschleunigung?

June aus GB, sie bringt meine Entschleunigung und sie sagt: „in Finistera gibt es Muscheln am Strand – sie nach dem Jakobsweg zu sammeln, sei etwas besonderes“. Sie hasst Menschen die ihre Orangenschalen abseits des Weges lassen.

Ich begleite die Dame den Rest des Weges und wir führen spannende Gespräche. Sie sagt, dass „der Camino einen nachhaltig verändert. Man nimmt seine Umwelt und die Natur mit anderen Augen war, man schätzt die kleinen Dinge des Lebens und man achtet auch viel mehr auf seine Gesundheit.“ Am Ende unseres Wegs sagt sie: „Je länger man läuft, desto weniger braucht man“ – das hört sich gut an!

Aufgrund des interessanten Gespräches merken wir nicht wie schnell wir voranscheiten und plötzlich sind wir fast da, in der Stadt der offiziellen Hälfte des spanischen Caminos.

Ab in die Städtische Herberge von „Sahagún“, eine offizielle Urkunde zur Halbzeit des Caminos ergattern. Wie auch immer sie dort die Halbzeit gewürfelt haben, ich nenne sie jetzt mein Eigen und habe sie sicher im Rucksack verwahrt.

Offizielle Urkunde der Stadt „Sahagún“ für die Halbzeit des spanischen Teils des Jakobsweges (ab „Roncesvalles“). Die reale Halbzeit ist schon lange ungefeiert an meiner Aufmerksamkeit vorbei geschritten.

Kurz vor dem Ziel beginnen die Füße wieder fürchterlich zu schmerzen und es ist wieder der gewohnte Watschelgang. Wir unterhalten uns und sie erzählt mir davon, dass sie am Abend mit dem Zug nach León fährt.

Ich denke nach – meine Entscheidung – und ich wäge ab zwischen zwei Extremen ab: Einerseits der wohltuenden Förderung meiner Gesundheit und andererseits dem alt eingesessenen Ehrgeiz, dem inneren Leistungswille, den Weg zu laufen.

Ich entscheide mich für meine Gesundheit, verschaffe mir einen Puffer und überspringe den Rest der langweiligen Wanderwüste des Caminos. Meine Füße und mein Schienbein werden es mir danken.

Ich kaufe mir ein Zugticket, welches mich in die Zukunft beamt. Wir rauschen nach nur 10 Minuten Wartezeit gemeinsam mit dem Regionalzug davon und treffen nach kurzer Zeit in León ein. Für 6,30 € habe ich mir 2,5 Wandertage ergaunert – es fühlt sich komisch an.

Vielleicht schaffe ich mit diesem Puffer, über Santiago hinaus zu wandern – bis nach Finistera. Denn viele Pilger sagen, dass sich das Ende in „Santiago de Compostela“ unvollständig anfühlt weil die Füße weiter wandern wollen. Insider sprechen vom „Coitus interruptus“ Effekt. Erst in Finistera hat man das Gefühl: „erfüllt“, und man sagt „wenn Du dich dort umdrehst, dann geht der Vorhang auf!“

Meine geliebten „Mädelz“, das Schaf auf dem Schild vom heutigen Tage ist für euch ♥️

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.