#Tag 33: in jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Mein liebster Paulemann, die verrückte Kuh ist für dich ♥️ ich liebe dich ♥️

Wir verlassen unsere Herberge gegen 8:00 Uhr und gehen zum Frühstück in eine Bar. Noch während wir die Karte im Schaukasten studieren, wird von innen die Türe aufgerissen – unsere Engländerin „Veronika“ steht vor uns und plappert wie ein Wasserfall auf uns ein. Sie muss die ganze Nacht ein Manuskript für diesen Empfang ausgearbeitet haben – grandios – jetzt sind wir wach. Sie erzählt, dass die Dame aus Venezuela tatsächlich „meine“ Maria ist. Maria von der ersten Pilgerfamilie – wie schön. Wir treten ein und noch bevor wir unseren Platz eingenommen haben, fällt mir jemand von hinten um den Hals – Maria.

Wir umarmen uns und freuen uns riesig über unser Wiedersehen. Anschließend erzählen wir uns in der eigenen Landessprache von den letzten Tagen. Erst als das Gesicht gegenüber fragend versteinert, fällt uns ein, dass wir eine kommunikative Barriere haben. Egal, wir freuen uns!

Sowohl Veronika wie auch Maria verlassen die Bar und ziehen getrennt voneinander los – wir Frühstücken. Es gibt wie immer – Baguette, Olivenöl, Tomaten mit Kaffee.

Während sich die Ereignisse überschlagen, berät James entspannt mit seiner Freundin „Kim“ das weitere Vorgehen.

Das Problem: Kim ist krank, kann nicht weiterwandern und zudem sind die hiesigen Maßnahmen zur Covid-Prävention unklar. Sie woll(t)en sich eigentlich heute – nach sieben Tagen blasenbedingter Pause – wieder sehen und so hatte Kim ein gemeinsames Hotelzimmer gebucht.

Ich ziehe meinen wertvollsten Insider-Joker und rufe Heidi an. Natürlich ist sie bestens über spanische Gesundheitsverhältnisse informiert und klärt uns wohlwollend auf: bei Grippe-Symptomen geht man ins „Centro de Salud“ und macht einen Test. Ist dieser positiv und hat man nur leichte Symptome, kann man nach drei Tagen Quarantäne weiter wandern. Ok, das hört sich komisch an ?/!

Zudem hat die Regierung in Galizien für alle Pilger eine für diese kostenlose Versicherung abgeschlossen. Um diese in Anspruch zu nehmen, muss man sich präventiv innerhalb der ersten 24 Stunden nach Eintritt in Galizien unter folgendem Formular registrieren. Gesagt getan – und nun sind wir für den schlimmsten Fall gewappnet. Danke Heidi, für die sensationelle Unterstützung!

Nach dem Frühstück werden die Stiefel geschnürt und dann geht es los. Denn wir wollen die letzte Etappe des bisherigen „Camino Francés“ in vollen Zügen genießen – morgen schon startet die Massenveranstaltung.

Wir laufen durch wunderschöne Wälder, nehmen sehr steile Abstiege – ein Gruß an die offenen Füße – und bis zum Abend habe ich sicherlich jeden Baum dokumentiert. Währenddessen haben wir spannende Gespräche wie z.B. darüber, dass James sehr wenig fotografiert.

Woher rührt der Eifer, jeglichen Moment zu dokumentieren? Ist es Angst zu vergessen?

James macht kaum Fotos „weil er sie ohnehin nie wieder sichtet“, sagt er. Er erzählt von Fotos auf Datenträgern, die er nicht mehr abspielen kann und anderen, die er nie wieder angesehen hat. Alte Fotos aus jungen Jahren hat er Freunden gezeigt und sie habe sie flüchtig überflogen.

Nun, er hat Recht – das alles ist mir nicht unbekannt. Auch ich greife nur selten auf meine Foto-Dokumentation zurück. Woher kommt dieser Eifer? Ich weiß es nicht und mache folglich erst mal ein Foto – zufällig war ein weiterer Baum in Sicht.

Dann wechseln wir das Thema und gehen ins Eingemachte. Warum werden viele Pilger des wanderns süchtig. Sie geben das bisherige Leben auf, sogar ihre Freunde und sind nur noch Unterwegs.

Dabei fällt mir ein dreifacher Vater ein, der ohne Geld den Jakobsweg durchwandert. Danach zieht es ihn durch weitere Länder, bis er nach 3,5 Jahren zu seiner Familie zurückkehren wird. Ob er auch mal an seine Kinder und Ehefrau gedacht hat?

Ich frage James, ob diese Menschen wohl vor etwas davonlaufen? Er verneint. Bei seiner Arbeit in den Nationalparks musste er 4 Tage der Woche beruflich wandern. An den Wochenenden haben sie das Zelt gepackt und sind gemeinsam auf die Gipfel gestürmt. Als gebürtiger New Yorker hat es ihn schon immer in die Natur gezogen.

Er hatte alle Bücher von Hermann Hesse und erzählt von dessen „Hamsterrad“ – dem geradlinigen Leben einer gleichförmigen Gesellschaft. Wir ergänzen die Hypothese um einen kulturellen und daher gesellschaftlichen Druck. Ist es das, was uns gleichförmig formt oder ist es einfach nur die Gewohnheit und der Schutz der eigenen Komfortzone?

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ (Hermann Hesse).
Dabei ist die Lösung so nah: es ist das Neue - was den Geist treibt. Wenn man nicht stillsteht kommen die Abenteuer von alleine. Wenn man in die Natur geht, passieren unerwartete Dinge, Erlebnisse und Abenteuer. Man Lebt sein Leben - im hier und jetzt. 

Ich sinniere darüber wieviele Menschen alltäglich die Abenteuer anderer Menschen vom Sofa betrachten. Sie treibt die Sehnsucht nach Abenteuer, aber der Ruf des Sofas – oder anders gesagt „die Sicherheit der Komfortzone“ wiegt schwer.

Schön, dass ich einen neuen Weg meiner Zufriedenheit gefunden habe. Ich will auch zukünftig wandern und die Natur genießen, sie selbst erleben und viele Wochenenden mit meiner Familie in Freiheit verbringen.

Wandern wird zur Passion.

Das „Wandern wird zur Passion.“ sagt James.

Es geht darum den inneren Frieden zu finden. 

Doch was ist der innere Frieden? Er meint dieser sei individuell und bei jeder Person anders.

Ich habe für mich auf dem Weg meinen inneren Frieden gefunden. Ich habe ihn dann, wenn ich mit mir selbst durch die Natur schreite und die Schönheit der Natur entdecke, viele kleine Besonderheiten und dabei die Ruhe genieße. Wenn ich innehalten kann, Fotos machen oder meine Gedanken notieren kann. Bei völliger Unabhängigkeit habe ich für mich, meinen inneren Frieden.

Denn inneren Frieden erlebt man, wenn man auf sich selbst achtet und mit dem Körper in Einklang ist. Es ist der Moment bei dem alles zur Persönlichkeit deren Bedürfnisse passt - der stimmige und ausgeglichene Moment.

Während wir uns gegenseitig mit unseren Gedanken befruchten haben wir 11 Kilometer von unseren 21 Kilometern geschafft – ohne eine einzige Pause. Und so kommt der Moment, wo wir ohne große Worte getrennte Wege gehen. Noch ein letztes Mal für die nächsten Tage die Einsamkeit genießen.

Zwei weitere Dörfer schmerzen die Füße und ich kehre in eine Bar ein, um einen „Cafe Amerikano“ zu gustieren. Und wie es der Camino will, wen treffe ich wieder? Maria – und so wandern wir gemeinsam der Stadt „Sarria“ entgegen. Danke für die gemeinsame Zeit – Buen Camino!

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