#Tag 34: die zweite Maus bekommt den Käse

Heute ging es von „Sarria“ nach „Portomarin“ mit knapp 25 Kilometer Distanz. Wir starten spät und lassen uns Zeit, denn das bringt den Vorteil, dass die Menschenmassen zum Großteil vor uns liegen. Wir hören immer wieder Schreie des vor uns weilenden Tumultus in der Ferne – direkt aus dem Wald. Es fühlt sich an, wie in einer Zombie Apocalypse, nur eben ein paar Kilometer voraus. Alles gut!

Die Natur ist auch heute ungetrübt schön, nur der endlose Regen drückt auf die Stimmung. Es scheint als ob der Himmel extra für uns weint und die erste Staffel des fünftägigen Finales besonders dramatisch gestalten möchte.

Aber ich will nicht klagen, denn es ist nüchtern betrachtet – nach 34 Tagen – mein erster (1/2) richtiger Regentag.

Mein liebster Paul ♥️ und meine liebste Noemi ♥️, die Baumhäuser sind für euch. Nur in unserem kleinen Garten wird das nichts …

Draußen regnet es in Strömen und in der Regenkleidung schwitzt man gleichermaßen, wie es von außen nässt. Nass wird man folglich ohnehin – aber in Plastik gehüllt, bleibt man warm – besser gesagt heiß.

Eine spanische Pilgergruppe mit lauter Musik zieht an uns vorüber und alle singen lauthals spanische Lieder. Das hört sich gut an und wir lauschen dem Gesang und gehen weiter, denn die nächste Bar ist noch viele Schritte entfernt und das drückt aufs Gemüt.

Plötzlich sehen wir eine nicht in unserer App erfasste Kneipe (sowas gibt es 😱) und schauen vorsichtig hinein. Wir fürchten der Überfüllung – aber sie ist geöffnet und sie ist leer. Als wir eintreten, gesellt sich der rotbärtige „Don Quijotte“ aus Irland mit seiner Profipilgerin zu uns. Wie schön, so trifft man sich selbst in Massen wieder.

In der Bar wird es kalt: sowohl die Schuhe, als auch der Pullover und die Hose, alles ist nass und das ist nicht gut. Alles wird erfolglos zum Trocknen quer durch den Raum trappiert und so verlassen wir ausgekühlt die Lokalität und schwimmen weiter.

Als Ergänzung zum Regen hat sich ein Sturm eingestellt und beide peitschen uns unbeirrt entgegen. Unser i-Tüpfelchen wartet ein paar Meter weiter, denn dort arbeitet ein Bauer in seinem Kuhstall und es stinkt so erbärmlich, wie ich es noch nie erriechen konnte.

Mit Brechreiz durch den Regen, das hat man nicht alle Tage. Es scheint fast so als ob sich alles gegen uns verschwören würde, aber wir tragen es mit Humor und lachen lauthals über unser Schicksal. Dann hört der Regen plötzlich auf – zumindest kurzfristig.

Auf dem nachfolgenden Weg springt Maria waghalsig mit Stöcken über einen Bach – ich rufe „nein“ doch es ist zu spät – sie hat es fast geschafft. Wir laufen weiter bis zur nächsten Möglichkeit für eine längere Rast, um etwas zu essen und unsere Kleidung zu trocknen.

Einige müde und sehr kalte Kilometer weiter, finden wir ein Restaurant zum Einkehren doch auch dort ist es ungemütlich, kalt, überfüllt und wir beschließen trotz unserer Not weiter zu ziehen.

Ca. 700 Meter weiter wartet ein sehr schönes Restaurant und ein Platz direkt neben einem heißen Ofen. Wir bereiten uns aus und legen alle Kleidung zum Trocknen aus, die Schuhe kommen auf den Kamin (Marias Schuhe laufen aus – da rinnt er wieder, der Bach!). Wir verbringen dort über 1 Stunde und genießen die Wärme. Offensichtlich haben wir alles richtig gemacht, denn die Sonne kommt heraus und es soll für heute nicht mehr regnen.

James schreibt im Moment unseres Aufbruches, dass er durchnässt und durchgefroren in seiner Herberge angekommen ist und dass während seines Checkins die Sonne kam.

Wie war nochmal das Sprichwort: „der frühe Vogel fängt den Wurm, aber die zweite Maus bekommt den Käse“. Wir waren heute definitiv die zweite Maus, da wir nur 50% des Tages in schlechter Witterung wanderten und fast nichts von den Pilgermassen mitbekamen.

Mit verbleibenden 120 Kilometer gestartet, passieren wir die 100,00 Kilometergrenze. Mehr oder weniger exakt 100 Kilometer zur Compstella

Gestern wollten wir die galizische Spezialität „Oktopus“ geniesen und wurden gnadenlos enttäuscht. Heute sind wir in einem tollen Restaurant unserer Herberge gestrandet und der Kellner versprach uns, den besten Oktopus der Region zu servieren.

So stürzen wir uns 25 km weiter und 2.388 Kalorien ärmer am Abend in den schier endlosen Genuss. Wir vertilgen drei Vorspeisen (Pulpo, Sepia und Jakobsmuschel) gemeinsam mit einer Portion Salat – ein unbeschreiblicher Genuss. Maria meint „wir haben gegessen wie Könige“ – sie hat Recht!

Buen Camino!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.