#Tag 42: Adrenalin

Heute geht über die Klippen an der „Costa de la muerte“ ein Abschnitt mit dem imposanten Namen „Küste des Todes“. Was will einem da schon wiederfahren? Am Ende der Welt auf der Küste des Todes.

Der Name kommt von den starken Unterströmungen die immer wieder zu Todesfällen führen. Wird man von der Küste des Todes abgetrieben, kommt gewiss der Tod. Es folgen lange Küstenabschnitte aus denen es in der Tat kein Entrinnen gibt – zu steil und eine wirklich tosende Brandung sind Garant für einen ungesunden Schleudergang.

Mein Tagesziel ist ein kleiner, verlassener Strand – der „Arnela Beach“ – mit einer kleinen Höhle.

Heute habe ich quasi Entjungferung – es ist das erste Mal seit 42 Tagen, dass ich ohne „schweres“ Gepäck unterwegs bin. Es fühlt sich seltsam an, man ist leicht, schnell und ungebremst – als hätte man Flügel. Damit ich meine Flüssigkeit für die Wanderung nicht auf Händen tragen muss, habe mir in der Herberge einen Sportbeutel geborgt. Darin kläppern Thermoskanne, Wasserflasche und eine Dose Monster lautstark vor sich hin.

Auf den ersten Felsen stellt sich ein mulmiges Gefühl ein, ich kann nicht einschätzen wie schwierig der Weg in der Todeszone ist. Ich weiß nur von unserem Dänen, dass er sehr herausfordernd sei und den Beinen alles abverlangt. Nun gut, Steigungen und Höhenmeter sind meine Wasserblasen zwischenzeitlich gewohnt.

Ich wähle stets den schönsten Weg, also möglichst weit außen an den Felswänden und werde mit atemberaubender Natur belohnt. Und so kommt es wie es kommen muss – wer schön sehen will, muss leiden.

Neben meinen Gebeinen geht es teilweise so steil hinunter, dass ich mich ausschließlich auf den Weg konzentrieren muss. Quasi mein erzwungener Tunnelblick, d.h. jeder Stockeinsatz, jeder Tritt wird akribisch vor der Umsetzung überprüft.

In der Mitte des ca 6 Kilometer langen Küstenabschnittes kommt meine Mutprobe. Es geht wirklich steil in die brausende Brandung hinab und man muss große Steine auf schmalen Pfaden überwinden. Ich nähere mich meinem Grenzbereich – dem Punkt, wo ich darüber nachdenke umzukehren, da die Hürden für mich immer unüberwindbar werden. Die Brandung selbst – tief und mächtig – unterstreicht die Dramatik passend.

Was ist die Alternative? Die ganzen Felsen wieder hinaufklettern und den ganzen langen Abschnitt auf anderer Höhe erneut bewältigen? Keine gute Option und so setze ich mich auf meinen Hosenboden und klettere auf allen Vieren die restlichen Felsen hinab.

Der fliegende Mexikaner – welch beeindruckende Pose.

Die Flucht nach vorne war die richtige Entscheidung, denn nur ein paar Felsvorsprünge weiter treffe ich auf Louis – er ist auf dem Rückweg – und berichtet, dass es in Kürze einfacher wird. Das sind gute Aussichten!

Louis ein ehemaliger Anwalt aus Mexiko City. Er wird den Camino noch einen weiteren Monat leben und entscheidet jeden Tag neu. Er geniest die Zeit mit sich selbst – ein ganz besonders wundervoller Mensch. Danke Louis für deine entspannte und liebenswerte Art.

Der Weg ist auf bemerkenswerte Weise ermüdend und nach vier Stunden und unzähligen Abbiegungen durch „oh – eine Blume“, „oh – weitere Felsen“ oder „oh – ein Abhang“ ist der Strand in Sicht.

Wunderschön und (fast) Menschenleer. Es geht ein letztes mal sehr steil über Felsen hinunter – oder alternativ durch dorniges Gebüsch. Ich wähle das Gebüsch und mache erst mal eine lange Pause.

Ich bin wahrlich stolz auf mich, da ich auch die „Klippen des Todes“ überstanden habe. Und nein, so schlimm waren sie nicht – für mich jedoch sehr wohl. Und so trete ich mit Stolz geschwellter Brust den langweiligen Heimweg an und trinke währenddessen den Rest meiner Wasserflaschen.

Auf dem Heimweg bin ich wirklich ermüdet. Mag nicht mehr gehen und beschließe noch einen Tag in der Herberge zu bleiben. Ich will morgen nur noch zum Leuchtturm gehen – ein kleiner Spaziergang zum Abschied. Es war schön und ist nun genug. Mein Körper ruft nach Wanderpause.

Am Abend sind wir ein neuer, bunt zusammengewürfelter Haufen und zumindest ein Teil der Gruppe eilt nach dem verspäteten Abendessen zum Sonnenuntergang. Die Männer eilen zur Sonne, während die vermeintlich romatischeren Damen in der Herberge verbleiben.

Es ist erstaunlich wie gut mir diese sehr einfache, günstige aber unbeschreiblich leckere vegane Küche schmeckt. Heute gibt es Reis mit Pilzen in einer Cremesauce. Danach Bratkartoffel mit Paprika aus dem Ofen mit Olivenöl und frischen Gewürzen. Eigentlich nur belanglose Beilagen, aber so unbeschreiblich intensiv, anders schmeckend und so lecker, dass es keinem Fleisch bedarf.

Interessant ist, dass es heute Abend keine intensiven Geschichten gibt – keine neuen Perspektiven. Es ist der gleiche Ort, die gleiche Herberge, der gleiche Weg, aber heute sind mehr Induviduen da, die nach einer Osterparty suchen und den Camino auf andere Art verstanden haben. Alles ist gut und ich gehe als einer der Ersten, zufrieden und vom Tag erfüllt ins Bett.

Heute – so scheint es, als würde sich der Camino auf allen Ebenen verabschieden. Ich kann loslassen, ich habe ihn wirklich gelebt – Buen Camino!

In der Nähe schießen sie Böller in die Nacht – Kanonenschläge – deren Druck spürbar ist. Die Piraten kommen zurück – zur Küste des Todes. Gute Nacht Welt!

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