#Tag 43: Krokodilstränen

Als ich das Frühstück genieße schreibt mir Heidi (meine Hospitalera aus dem Internet), dass ich es geschafft habe. Das ich jetzt den Camino wirklich lebe. „Du siehst und fühlst jetzt!“ und ja, etwas ist seit gestern Abend anders – irgendwie fühlt es sich gut und richtig an. Aber was ist es? Sie meint ich hätte gestern „erstmals anders geschrieben, nach außen orientiert – ich schreibe nicht mehr für andere, sondern für mich“ und sie hatte Tränen in den Augen, als sie das erkannte. Ich bin – so schreibt sie – „von ihrem Camino-Sorgenkind zum Camino-Botschafter geworden“. Ok – gut!

Aber was ist es, wovon sie da schreibt? Im ersten Moment habe ich keine Ahnung, denke kurz darüber nach und flüchte vom Frühstücksraum in mein Zimmer. Denn mir steigen die lang ersehnten Tränen in die Augen und ihr wisst – als Mann weint man nicht. So hetze ich – völlig überflüssig und albern – zum Strand und muss dabei immer wieder weinen. Ich vergesse sogar meine letzten Pflaster zum Schutz der Blasenrelikte, lasse meinen Rucksack und meine Stöcke ruhen, kein Tracker und keine Navigationsapp ich laufe los um mich auf die Klippen zu setzen. Nur meine Thermoskanne mit leckerem Tee habe ich dabei – aufs wesentliche reduziert – lasse ich mich ins Leben treiben und ich bin grenzenlos glücklich.

Meine lang ersehnten Krokodilstränen sprudeln wie aus dem Nichts – sie sind einfach da, streichen sanft meine Wangen hinab. Wie oft saß ich an der Kathedrale in Santiago, habe mir das Glück erwünscht, die Tränen der Freude herbeigesehnt, die dort andere Pilger verspürten. Ich wollte sie hinauspressen wie ein Hase seine braunen, kleinen Knödel. Aber sie kamen nicht. Jetzt – jetzt sind sie einfach da!

Ich bin wirklich da – am Ziel meiner Reise, da hat sie Recht!

Ich denke nach, was genau passiert ist und was sich verändert hat. Ich bin ohne jegliche Erwartung am vorletzten Tag meiner Reise durch eine Verkettung glücklicher Umstände an meiner so sehr ersehnten Veränderung meiner Lebensphilosophie angekommen.

„Ich bin ok und du bist ok“ – wie oft habe ich diesen Satz gehört. Jetzt nach über 800 Kilometern, am Ende der Welt, am Strand des Todes habe ich ihn wirklich verinnerlicht.

Was wäre nur, wenn Heidi und die anderen Empfehlungen in meiner Facebookgruppe nicht den Bus nach „Cee“ vorgeschlagen hätten, wenn ich mit dem falschen Bus nach „Muxia“ gefahren wäre, wenn mir „Peter“ aus Dänemark seinen Lieblingsweg durch die Klippen des Todes verschwiegen hätte, wenn er nicht seinen Jakobsweg der Herberge „opfern“ würde um dort einfach glücklich zu sein und die von „Lane“ empfohlene Herberge nicht mein Ort zum verweilen gewesen wäre? Der erste Abend hat rückblickend meine Zukunft geprägt und mich zu meinem inneren Frieden geführt. Was wäre wenn Louis, eine der 25 anderen Herbergen gewählt und nicht zur rechten Zeit in den Klippen hätte sagen können, dass der Weg durch Klippen bald einfacher wird? Es ist im Grunde egal – aber dennoch bemerkenswert – wie zuverlässig die Zahnräder des Lebens in sich greifen, wenn man sie greifen lässt.

Es ist egal, denn es ist passiert und es ist ohne mein zutun geschehen. Warum? Weil ich es ohne Erwartung geschehen lies – mein Leben, der Camino oder die Erlebnisse, die Menschen darauf, sie alle haben mir gegeben, was ich mir so sehr gewünscht habe. Ich kann die größte Transformation erleben – die meiner selbst.

Ich ruhe in mir, habe meinen inneren Frieden gefunden. Muss nichts machen, was ich nicht will um bei anderen Gefallen zu finden. Ich muss keine Wanderziele auf vorgegebenen Wegen finden, keine Städte mehr als Ziel bewandern. Ich muss nichts beweisen, mein Bauch, mein Gefühl entscheidet im hier und jetzt und wählt das, was gut für mich ist.

Dies ist der lang ersehnte Moment in dem ich mich mit Hochachtung schätze, mich und meine Bedürfnisse grenzenlos respektiere – der Moment an dem ich ich ich selbst bin. Der Moment an dem mein Herz entscheidet und das Glück und den Sonnenschein wählt.

Gestern habe ich es zitiert, heute verstanden und sage selbst: das Ende des Camino ist nur ein neuer Tag!

Was habe ich anders gemacht? Ich habe nicht mehr gesucht. Ich erwarte nicht, ich lasse die Veränderung geschehen und vertraue darauf. Ist es das? Ich glaube schon!

Ich möchte leben, meinem Lebensweg vertrauen und ihn gewähren lassen. Ich möchte mich im Strom des Lebens treiben sehen. Voller Glück und es anderen Menschen ermöglichen, etwas davon zurückzugeben, sich selbst zu sein - grenzenlos. 

So sitze ich stundenlang auf dem Fels und denke nach. Es ist schwer zu verstehen und noch schwerer in Worte zu fassen. Nach ca. 3 Stunden habe ich genug sinniert und breche auf. Ich verlasse meinen ganz persönlichen Ort.

Als ich den Weg vom Strand zur Herberge zurückgehe ertönt aus dem Wald eine Motorsäge. Jemand fällt auf „meinem Berg“ ganz offensichtlich Bäume – am Ostersonntag – willkommen im Leben – willkommen in Spanien.

Und genau in dem Moment als ich auf dem Hügel ankomme, startet ein Osterfeuerwerk – um 12:34 Uhr Mittags – anders, aber wunderschön.

Der magische Moment, mein inneres Spektakel, mein kleines persönliches Wunder, mein inneres Feuerwerk. Mein Weg – mein bewegendster Moment!

Versteht ihr was passiert? Ich komme schon wieder zur richtigen Zeit, zum perfekten Ort um an der puren Lebensfreude teilzuhaben. Das ist ein Wunder! Das ist der Moment an dem meine Krokodilstränen ungebremst sprudeln – mein unvergessliches, inneres Feuerwerk – mein ganz persönliches, inneres Spektakel. So unfassbar! Danke Spanien, danke Camino, danke an alle, die mich begleiten – und vor allem: danke Michael!

Am Ende der Welt ist auch mein Kilometerstein am Ende und zeigt Kilometer 0,000

Ich genieße den Morgen, trinke in der Herberge Tee und starte gegen 14:00 Uhr zum Leuchtturm. Ich verlasse das Haus. Etwas fehlt, ich prüfe meine Taschen und habe keine Maske dabei. Daher geht es ab ins Zimmer, an den gewohnten Orten finde ich sie nicht und durchsuche meinen Rucksack.

Und – als hätte es mich gesucht, als hätte es diesen Tag gewählt – halte ich mein Schatzbuch mit den Glückwünschen meiner Familie in den Händen. Was für ein ehrwürdiger Tag die letzten vielen Seiten meiner Familie zu lesen. Ich nehme es mit, auf meine letzten Schritte meines unvergesslichen Jakobsweges und lese es am Leuchtturm zu Ende – am Ende der Welt.

Danke meine liebe Familie – ich liebe euch! Es ist wunderschön was ihr für mich geschrieben habt. Ihr habt mein Herz berührt und es ist schön, dass es uns gibt.

Gegen Nachmittag trete ich den Rückweg an und wähle den Wald. Das ist gut, zunächst entdecke ich einen Ort für Camper mit der sicherlich beeindruckendsten Aussicht dieser Welt.

Lieber Willi, dieser Wegpunkt ist für dich. Camping am Ende der Welt!

Im Wald finde ich – ohne zu suchen – jadegrüne Steine (vermutlich Malachit) die mich stets an meinen Weg erinnern sollen. Besser gesagt, sie finden mich. Ich entdecke die schöne Natur und eine ganz besondere Aussicht auf meinen – sagen wir mal „Schicksalsberg“.

Danke Welt für diesen Tag. Nach über 800 Kilometern, zahlreichen Blasen, Knochenhautentzündung und allerlei anderen, was man braucht um auf seinen Körper zu hören bin ich da! Mein Prozess der Transformation hat erfolgreich begonnen! Danke Camino! Buen Camino!

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