#Tag 6: 666 – the number of the beast

Wer die Wahl hat, hat die Qual? Nein, der hat die Freiheit zu entscheiden. Auch wenn dies nicht immer einfach ist, da die Konsequenzen oftmals nicht absehbar sind. 

Und genau vor so einer Entscheidung stand ich heute: Nach dem Aufstehen bleibt der weitere Verlauf für mich zunächst unklar. Was ist besser? Der Weg zu einem Arzt, der den Blasen an meinen Füßen helfen kann – oder den Weg mit meiner Pilgerfamilie geniesen und dabei das Risiko eines Totalausfalls einzugehen.

Ich entscheide nach dem morgendlichen Packen meines Rucksacks spontan und wähle unsere Gemeinschaft. Und das ist auch gut so!

Tag 6 – 666 km bis zum Ziel. Wir haben bislang im Schnitt 23,82 km/Tag zurückgelegt und waren dabei jeweils ca. 9h an der frischen Luft. Stand heute Abend sind es nur noch 633 km bis „Santiago de Compostela“.

Wir haben heute ein Wegstück von 21,6 km mit mittlerer Schwierigkeit gewählt und sind bei leichtem Regen losmaschiert. Nach wenigen Metern wurden wir von einem Schild darauf aufmerksam gemacht, dass es „nur“ noch 666 km bis „Santiago di Compostela“ sind. Das bedeutet auch, dass die ersten 100 km gestern völlig unscheinbar an uns vorübergezogen sind. Keine Party, keine laute Musik – nichts und das ist auch gut so.

Der Weg ist wunderschön und führt uns über bewaldete Berge und beglückt uns mit wunderschönen Aussichten auf kleine Hügel – einzigartig. Meine Laune ist bestens und die Diclofenac leistet ihre Dienste und ermöglicht mir einen wunderschönen Marsch – bis zum Ziel „Los Arcos“.

Wichtig ist, dass die zweite Tablette rechtzeitig eingenommen wird, da der Lauf ansonsten einer watschelnden Ente gleicht. Heute war ich so eine Ente!

Die kleine Raupe „Nimmersatt“ hatte offensichtlich Lust auf Polonaise und beglückt uns mit einer Wanderschlange von ca. 1,5 Metern länge. Natürlich in Richtung „Santiago de Compostela“ 🤣😂🤣. Mal schauen ob ich – watschelnder Weise – in ca. 5 Wochen vor den Raupen am Ziel bin.

Bereits am Vormittag sind wir im Weingebiet in der „Navarra“ angekommen – pünktlich zur Weinprobe.

Es war zwar etwas früh, aber natürlich wollte der Wein aus dem Wasserhahn an der Wand getestet werden. Man geht eigentlich davon aus, dass es ein billiger Wein wäre der einem ein Schütteln bis in den letzten Zeh treibt, aber nein – wir wurden eines besseren belehrt.

„Wanderer! Wenn du Santiago gestärkt und gesund erreichen möchtest, dann trinke einen Schluck von diesem Wein und stoße an, auf die Fröhlichkeit.“

Es handelt sich um einen „Tinto Irache“ welcher seit 1981 produziert wird und der im darüberliegenden Ladengeschäft für 6 Euro erstanden werden kann. Wie lecker er schmeckt – seht selbst:

Daran könnte man sich gewöhnen, der Wein fließt in „Bodegas Irache“ aus dem Weinhahn und stärkt die Wanderer.

Wir machen eine Mittagspause in einer spanischen Kneipe und dort treffe ich meine Wanderfreunde wieder (als Ente). Und natürlich ist auch diese Kneipe gut besucht von älteren Männern, die sich mit einem lokalen Wein begnügten. Warum gibt es bei uns keine Kneipenkultur mehr?

Dieses fröhliche Beisammensein strahlt eine angenehme Lebensfreude aus und zeigt welchen anderen Fokus es in Spanien gibt. Die Kneipen sind nicht schön, sie sind zweckmäßig und dienen der spanischen Lebenskultur.

Gegen 19:00 Uhr treffen wir am Ziel in „Los Arcos“ in unserer heute privaten Herberge ein. Wir werden mit leckerem Essen empfangen und ziehen nur die Schuhe (ein Gruß an die Nase) und Rucksack aus und setzen uns zu den anderen – bekannten Pilgern.

Und natürlich genießen wir unseren Salat, den Linseneintopf und die Eistorte zum Nachtisch. Dazu gibt es leckeren Wein!

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