#Tag 16: eine Frage der Perspektive

Ich telefoniere mit Heidi (die erfahrene Pilgerin und gute Seele aus dem Internet) und Frage um deren Rat wegen meiner Knochenhautentzündung. Sie meint, es sei völlig normal, dass man auf dem Weg eine Knochenhautentzündung bekommt. Ich soll so viel wie möglich trinken, getrockneten Ingwer kauen und eine Anikasalbe auftragen. Ebenso den Fuß mit einem „Gel Fria“ kühlen und das Gewicht meines Rucksacks um 1-2 kg reduzieren – „Balast abwerfen – auch Menthal“ sagt sie.

Gesagt, getan – zumindest physisch wird nach dem Aufwachen aussortiert: Blasenpflaster, unnötiger Vorrat an Bandagen, Thermounterwäsche, Handschuhe, ein paar Mitbringsel und ein paar Erdnüsse treten den Heimweg an. Dabei ist auch – schweren Herzens die Thermosflasche, welche ich von Sany – meiner Freundin – extra für meinen Camino bekommen habe. Sie wiegt leer 630 Gramm und daher muss das mir werte Andenken zugunsten meiner Gesundheit weichen.

„Zur Schonung meiner Gelenke, soll ich den Rucksack umpacken“ sagt sie. Ich hatte bislang gelernt, dass die schwereren Utensilien nach unten gepackt werden. Jetzt sollen die schwereren Dinge an den Rücken in Nähe der Schulterblätter möglichst Körpernah gepackt werden. Die Perspektive verschiebt sich von „oben und unten“ hin zu „Körpernah und Körperfern“. Ich will es probieren und stelle fest, dass nach der Gewichtskorrektur nicht mehr viel schweres übrig ist – das ist auch gut so. Das Schwerste sind die Medikamente aufgrund der vielen Errungenschaften wie Salben und Tinkturen für meine Blessuren.

Nach dem inzwischen üblichen Besuch der Apotheke ging es gestern Abend mit Alexandra und Hugo zum Abendessen in ein typisch spanisches Restaurant.

Wieder vereint – unsere Wandergruppe, die den Tag als Freiheit liebt und abendlichen Austausch sucht.

Ich habe im Restaurant eine regionale Spezialität genossen – eine außergewöhnliche Mixtur von Blutwurst, künstlichem Glasaal, Ei, Speck, Kartoffeln und Knusperbrot. Dazu gab es ein Maß Bier aus einem Wasserkrug.

Sehr empfehlenswert die Spanische „morcilla“

Während unserem Beisammensein führten wir sehr intensive Gespräche über den Camino – mit Google-Taranslate. Ich stellte die Hypothese in den Raum, dass der Weg von Alexandra und Hugo nicht zu einer außerordentlich, intensiven, persönlichen Erfahrung führen kann, da die Intensität der Probleme geringer ist (man schont sich mehr) und die Dauer der Probleme womöglich zu kurz ist und so womöglich weniger Grenzerfahrung den persönlichen Wandel treibt.

Hugo meint, ich würde den Camino völlig falsch verstehen. Ich sehe ihn rein physisch, man müsse nach meiner Interpretation über das Leid des Weges seine Persönlichkeit verändern. Er meint, es geht nur um die Erfahrung, die Inspiration über andere Perspektiven mit gleichgesinnten Pilgern. Er hat keine Erwartung an den Weg, außer interessante Menschen zu treffen und darüber den eigenen Horizont zu erweitern.

Alexandra sieht es ähnlich, „da die Menschen auf dem Camino eine ähnliche Weltoffenheit haben, können die Menschen das eigene Leben bereichern“ sagt sie. Sie möchte von den unterschiedlichen Perspektiven lernen, den eigenen Horizont erweitern und durch den Austausch wachsen. „Auf dem Camino wird niemand verurteilt, alles ist realer und intensiver, das Genießen, das Leiden, das Leben.“

Interessant, wie unterschiedlich der gleiche Weg erlebt werden kann. Und ja, es geht nicht darum, das eigene Kreuz zu Grabe zu tragen, sondern darum zu wachsen. Ich werde viel darüber nachdenken und meine Perspektive hinterfragen oder zumindest anreichern. Wahnsinn! Was für ein tolles Gespräch – danke 🙏🏻.

Eine kurze Pause vor einer kleinen Kirche am Wegesrand. Es gibt Wasser mit Ingwer und eine dicke Portion Creme für mein Schienbein.

Ich verlasse meine Unterkunft heute erst gegen 12:00 Uhr. Zunächst reichlich Wasser und Ingwer einkaufen. Dazu noch ein paar Mandeln für zu Hause und dann ab zur Post.

Vorab schneide ich den Ingwer mit meinem riesigen Messer auf einem Fenstersims einer Bank. Ich gebe ihn in meine Flaschen und denke dabei an die Serie „Haus des Geldes“ – ob sie schon Verstärkung rufen?

Heute ist mein „Jetzt-werde-zu-zuhause-Tag“ – der Tag an dem physischer Ballast abgeladen wird. Den Rucksack mit dem manthalen Ballast will ich noch finden, um ihn zu leeren.

Meine Rücksendung bringt stolze 2,475 kg auf die Waage und die Post möchte sich mit meiner Paketsendung vergolden. Stolze 41 Euro soll ich für ein kleines Päckchen berappen und so nehme ich das Angebot von Heidi gerne an und schicke es zu ihr nach Spanien (letzte Etappe vor „Santiago di Compostela“) – für „nur“ 19,25 Euro.

Interessant ist die Selbstverständlichkeit dieser Paketsendung – kein einziger Gedanke wurde daran verschwendet, dass ich dort vielleicht niemals ankommen würde. Natürlich nicht! „Ein Urban lässt sich nicht aufhalten“ hat letzt ein guter Freund gesagt und auch der Mexikaner Luis meinte gestern beim Abendessen, dass er sicher sei, dass ich meinen Camino in „Santiago di Compostela“ beenden werde. Schauen wir mal – aber ich tippe auch auf „ja“.

So zurück zur Post – bis ich das Paket verschickt habe dauert es eine Stunde. Die Dame schreibt den Aufkleber, druckt aus, klebt zu, … kein Wunder das es so teuer ist. Denn sie hat freundlicher Weise die ganze Arbeit übernommen. Danke!

Nun geht es endlich Nassgeschwitzt aus der Post – in den Regen – zu meinem Schongang. Ich trage eine Süßigkeit die ich meinen Lieben zu Hause als Überaschung ins Paket packen wollte mit mir herum, da sie nicht mehr ins Paket passte. Was mache ich damit? Ein paar Meter weiter sitzt eine Bettlerin an der kunstvoll verzierten Brücke – ich schenke sie ihr und sie strahlt überglücklich.

Heute geht es aus der wunderschönen Stadt „Burgos“ nur einen kleinen Spaziergang von 11 km weit nach Tardajos“ – eine halbe, gewöhnliche Tagestour. Die Strecke ist totlangweilig, geht wieder an Straßen entlang und macht einfach keinen Spaß.

Selbst die Pause, bei der ich mir eine fettige Pizza gönne macht keinen Spaß. Und der Weg zieht sich endlos.

In der wunderschönen Herberge „Albergue de Casa de Beli“ angekommen, wird ausgiebig geduscht, Wäsche gewaschen und der Fuß den Rest des Abends mit Eiswürfeln gekühlt. Die Schwellungen werden quasi weggefohren ❄️ – so der Plan. Und dann wird nachgedacht … Buen Camino!

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