#Tag 25: Da war der Wunsch der Vater des Gedanken

Es wäre sinnvoll, wenn ich mein eingelaufenes Schuhwerk solange behalte, bis sich die Nachfolger in Übergröße bewährt haben. Zum Glück prüfe ich vor dem Start der heutigen Wanderstrecke aus der Stadt hinaus die Entfernung bis zur nächsten Poststation – 60 Kilometer. Ich müsste die alten Schuhe drei Tage als zusätzlichen Balast umhertragen und wähle das Risiko.

Ab zur Post um die Schuhe nach Deutschland zu verschicken. Dieses mal geht es flott, ich verfalle in keine Schockstarre wegen des Preises (10,00 Euro) und so bin ich schon nach kurzer Zeit auf dem Camino zurück.

Der Weg beginnt mit der üblichen Fährtensuche bis man die Zeichen des Jakobsweges wieder unter seinen Füßen weiß. Dann geht es los – raus aus der Stadt. Mein Handy weist mich zur Sicherheit darauf hin, dass die Luftverschmutzung wirklich verheerend ist. Ok, was ist nun die Lösung? Eine Sauerstofflasche, Gasmaske oder lieber gleich einen Ganzkörperschutzanzug?

Das mit der Luftverschmutzung war übrigens nicht zu überriechen, denn es stinkt dermaßen erbärmlich nach ungefilterten Autoabgasen, dass man bei jedem Atemzug eine letale Kohlenstoffmonoxidintoxikation fürchtet. Stolze 6 Kilometer reichere ich meine Lungen mit Abgasen an und endlich kommt ein 4 Kilometer langes Industriegebiet mit nur geringfügig weniger Verkehr.

Statt der ersehnten Natur (da war der Wunsch der Vater des Gedanken) führt mich auch der Rest des Weges neben einer meist zweispurigen Schnellstraße einher. Damit der Unterschied zur Stadt nicht zu drastisch ausfällt (langsamer Entzug), hat man den Fußweg so tief gelegt, dass zumindest die Nase auf Auspuffhöhe liegt und die Düfte fast unverdünnt inhaliert werden können. Wunderbar 😉 konsequent!

Vorbildliche Namensgebung: „Sant Michael auf dem Camino“

Nach etwa 10 Kilometer macht sich mein rechter, kleiner Zeh bemerkbar. Er blieb bislang verschont und würde es auch gerne bleiben. Ich beschließe ihn auf der nächsten Bank mit einem Klebeband zu schützen.

Paarungszeit der Klapperstörche – welchem Spanier da wohl ein Kind ins Nest fällt?

Soweit soll es jedoch nicht kommen, denn mein Gesundheitsbote „Heidi“ meldet sich zur rechten Zeit zu Wort und schickt mir einen Link auf eine Anleitung zum Schuhebinden: Wanderschuhe richtig schnüren.

Ich dachte bislang, dass ich das Schuhe schnüren im Grundschulalter hinreichend gelernt hatte – Fehlanzeige! Es gibt wirklich tolle Tricks, wie man den Spann entlastet (wenn es kribbelt ist der Schuh zu fest geschnürt) und dennoch dafür sorgt, dass die Ferse fest am Schuh vernakert sitzt. Blasenprävention durch Bindetechnik – sensationell.

Ich sehe mir das Video an und tauche umgehend im Versuchsmodus ab … ich probiere verschiedene Techniken aus, kombiniere letztendlich zwei und laufe seither wie ein Engel auf Kohlenmonoxidwölkchen dahin. Keine Probleme mehr! Danke Heidi!!

Gegen 17:00 Uhr komme ich in der Herberge an und erstmals sind es weniger als 300 Kilometer bis zum Ziel. Ein gutes Gefühl!

Jetzt heißt es mal duschen, meine neue Zimmmernachbarin Tamara und dann die anderen Pilger im Aufenthaltsraum kennen lernen. Es ist wieder ein bunter Haufen quer durch die Kulturen dieser Welt. Von Las Vegas bis in den asiatischen Raum ist alles vertreten.

Als wir unser Abendessen genießen, öffnet sich die Türe und wer kommt hereinspaziert? „Drauß vom Feinstaub, da kommt sie her“, unsere Maria aus der ersten Pilgerfamilie.

Was eine Freude! Wie unterhalten uns noch etwas und dann humpeln alle Pilger gleichermaßen zu ihren Träumen. Buen Camino!

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