#Tag 30: was nicht tötet härtet ab

Wahnsinn, was es alles gibt? Ich bekomme von Heidi – der Hospitalera – eine Nachricht, welche Herberge ich in „Trabadelo“ aufgrund akutem Bettwanzenbefall meiden soll. Danke dafür, denn ich habe in meinem Rucksack bereits ausreichend Gewicht und möchte nicht zusätzlich irgendwelche Krabbeltierchen mit mir herumtragen.

In manchen – wenigen – Herbergen auf dem Camino Francés nimmt man es eben mit der Betthygiene nicht so genau.

Bislang musste man Papierüberzüge über Plastikmatraze und Plastikkopfkissen ziehen und nach der Nacht eigenhändig entfernen. Seit Anfang April gibt es den Luxus mit bereits fertig gerichteten Betten – mit Stoffbezügen. Sie machen einen sauberen Eindruck aber ich bezweifle, dass diese überall täglich abgezogen und gewaschen werden. Aber – jede Herberge macht es so wie sie denkt und was nicht tötet härtet ab!

Heute geht es durch wunderschöne verlassene Dörfer, Weinanbaugebiete und die bemerkenswert schöne Stadt „Villafranca del Bierzo“.

Auf dem Weg dorthin finde ich eine Apotheke und kann mir ein Pflaster kaufen, das die Wasserblasen am rechten Ballen austrocknen sollte. Ich brenne allerdings darauf zu wandern, hatte die Blasen schon mit Pflaster wohl verpackt und so müssen die Blasen sich vor ihrem Trockentod noch etwas gedulden.

In den Weinbergen steigt die Empfindung, dass etwas mit meinen Füßen nicht stimmt und ich will die nächste Bank nutzen um nachzusehen. Das kostet Zeit und ist enorm lästig – ich will die umliegende Natur genießen und keine Füße inspizieren. Die gesuchte Bank befindet sich in einem Dorf und ich stelle mir einen schöneren Platz vor – man hat ja Ansprüche – und laufe weiter.

Die folgende, inzwischen dringend notwendige Bank, lässt auf sich warten und so beschließe ich ein paar Steine auf einer Anhöhe zu nutzen. Meine Stöcke dienen als Machete und trennen die Stiele ansässiger, getrockneter Blütenstangen ab. Der Platz ist frei, es sind keine Schlangen sichtbar und so setze ich mich gemütlich eingezwängt zwischen einem Kreuz Maria und einem Gebüsch.

Jetzt werden die Beutel mit den Utensilien gezückt und um mich herum verteilt. Dann die Socken aus und die Pflaster und Klebebänder runter. Der rechte Fuß mit den neuen Blasen zeigt das erwartete Bild. Der Schmerz kommt von gewachsenen, gefüllten Blasen und ich klebe das in der „Farmacia“ neu erstandene Pflaster auf und fixiere es mit Klebeband. Am Fersen kommt an einer neuen Stelle eine weitere Blase hinzu aber, diese ist nicht Schmerzhaft.

Jetzt ist der linke Fuß dran – das Pflaster und das Fixierband sind durch das laufen verrutscht und ich will es tauschen. Beim lösen vom Ballen zeigt sich, dass das der Klebestreifen des Pflasters mit der abgestorbenen Haut eine innige Beziehung gegründet hat. Sie sind untrennbar vereint und ich sehe das darunterliegende Gewebe – nicht gut – schnell fixieren und nach dem Duschen am Abend nochmal im aufgeweichten Zustand versuchen die Haut zu retten.

Ich frage mich wie strapazierfähig die neue Haut unter der alten Blase ist. Ist es wie bei einem gewechselten Krebspanzer, zahrt und weich, verletzlich oder bereits gehärtet und für den Camino Francés bereit? Ich werde es bald wissen.

Ich packe zusammen, nehme eine Schmerztablette und ziehe weiter bis in die nächste – oben beschriebene Stadt und dort gibt es erst mal Frühstück. Baguette, Seranoschinken und eine Cola werden mit Blick auf die Burg in der Sonne vertikgt. Lecker!

Weiter gehts! Da ich den Anstieg auf den Berg mit über 400 Höhenmeter (zum Glück) verpasst habe, humple ich an einem Fluss die Straße entlang – den ursprünglichen Jakobsweg.

Nach 15 Kilometern rufen meine Füße nach einer Pause auf einem Stein und kurze Zeit später pausiere ich erneut, da ich einen Abstieg zu einem Flussbett entdeckt habe. Dort muss ich verweilen! Wunderschön – ich genieße es in vollen Zügen! Und plötzlich ist er da – der wahrscheinlich einzige Fisch in Spanien – wie aufregend eine große Bachforelle.

Der erste gesichtete Fisch : eine Bachforelle in diesem wunderschönen Fluss.

Wie immer lässt meine Geschwindigkeit die letzten Kilometer vor dem Tagesziel in „Trabadelo“ erheblich nach. Wunderschöne, alte Eichenbäume und die umliegende Natur erstrahlen mein Herz und so kann ich dennoch bis zum Ortseingang watscheln.

Von weitem sehe ich zwei Menschen in der Sonne sitzen. Es ist mein Freund „James“ und eine Dame die wir gestern beim Essen trafen. Es gibt erst mal ein großes Bier.

Danach geht es in die Herberge, duschen und die Füße verarzten. Nach dem duschen versuche ich die Haut zu retten indem ich den Verband vorsichtig löse. Leider klappt es nicht und so sehe ich das vollständige Drama.

Fazit: neue Haut ist wie ein Krebspanzer 😂 weich, zahrt und empfindlich.

Ein großer Teil der neu gebildeten Haut am Ballen ist einer weitere Blase gewichen. Das heißt ein Teil des Ballens liegt frei und sollte schleunigst neue Haut bilden. Es kommt Creme darauf, ein neues Pflaster und ich hole mir weiteren Rat von Heidi ein.

Jetzt wird schnell die Wäsche gewaschen und dann ab zum Abendessen. Wir gehen zusammen mit der Engländerin „Veronika“, die vor ihrem Start des Caminos in der ersten Herberge fast gestorben wäre, da das Doppelbett mitsamt ihrer Freundin über ihr zusammengebrochen ist. Sie hatte Glück und konnte sich befreien, da „nur“ das Fußende eingebrochen war.

Und wieder – was nicht tötet härtet ab. Buen Camino!

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